Friederike Mayröcker

was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

theodor fontane

Es kann die Ehre dieser Welt

Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben.
  
Wenn's deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.
  
Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.

RILKE

DER PANTHER

IM JARDIN DES PLANTES, PARIS

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.


Will dir den Frühling zeigen
der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu zweien gehn
und sich bei den Händen halten
dürfen ihn einmal sehen.

R.M. Rilke

Anbeginn

von Eva Schrittmatter

Mein Leben setzt sich zusammmen:
ein Tag wie dieser, ein anderer Tag, Glut und Asche und Flammen.
Nichts gibt es, was ich beklag.

Früher hab ich so gefühlt, was Großes wird sein.
Inzwischen bin ich abgekühlt.
Es geht auch klein bei klein, was soll schon Großes kommen.

Man steht auf, man legt sich hin.
Auseinandergenommen verlieren die Dinge ihren Sinn.

Doch manchmal sind solche Stunden von Freiheit, vermischt mit Wind,
da bin ich ungebunden und möglich wie als Kind
und alles ist noch in mir uns unverletzt und fühlt
"Gleich wird es beginnen", das Wunder kommt hier und jetzt.

Was soll es sein? Ich kann es nicht sagen.
Und ich weiß auch: DAS gibt es gar nicht.
Aber plötzlich ist hinter den Tagen noch Zukunft ohne Pflicht und frei von Furcht und Hoffen und also frei von Zeit.

Und alle Wege sind offen, und alle Wege gehen weit.
Und alles kann ich noch werden, was ich nicht geworden bin.
Und zwischen Himmeln und Erden ist wieder Anbeginn.



Die fünfte Jahreszeit

Kurt Tucholsky

Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernst in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es- wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist un der frühe Herbst noch nicht angefangen hat_: dann ist die fünfte Jahreszeit.
Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andren Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust: Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist- nun ist es vorüber. Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts. Wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.
Mücken spielen im schwarz- goldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen. Kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben- es ruht.
So vier, so acht Tage- Und dann geht etwas vor.
Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt, es ist nicht windig, es hat sich eigentlich gar nichts geändert- und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft- es ist etwas geschehen. So lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt, na.. na.. und nun ist er auf die andere Seite gefallen. noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher.. aber nun ist alles anders. das Licht ist hell, Spinnfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen- nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sentimental werden- es ist nicht der Johannestrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.
Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

Bald bin ich licht, bald bin ich trüb...

Bald hart, bald weich, dann bös, dann gut.
Bin Sonn und Vogel, Staub und Wind.
So Mond als Kerze, so Strom wie Glut.
Bin arger Geist, bin Engelkind-
Alles, alles ist gut.

RUMI
1207-1273

Ausschnitt aus Joachim Meyerhoffs: 

Alle Tote fliegen hoch: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war 

S. 348


Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?
Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.
Ja, daran glaube ich: Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.

„Wenn Du einsam bist und in Dunkelheit, da wünschte ich, Dir dies zu zeigen:

Das überwältigende Licht Deines eigenen Wesens.“

 

– Hafiz, Persien, 14. Jh